TAG 4 / Avenches EM daily Blog präsentiert von EQUISTRO

Der letzte Tag ist angebrochen. Um 09:00 stand schon die Verfassung auf dem Programm. Die zweite Verfassung ist doch immer spannender als die erste, denn die Pferde sind gestern durch das lange Gelände gelaufen, der Boden war sehr unterschiedlich und dadurch ist es schon interessant, ob alle Pferde das gut genug weggesteckt haben…

Ich war bei der Vorbereitung der deutschen Pferde im hinteren Teil des Platzes. Dort wurde Schritt geführt, die Hufe nochmal eingeschmiert und die Quartermarks wurden noch ordentlich ins Fell gebürstet. Carmen (Pflegerin bei Ingrid Klimke) ist da ein echter Profi. Für das Muster oben hatte sie eine Schablone, aber den Rest macht sie einfach mit einer Bürste. Ganz gerade Striche.. wenn ich das mal so könnte 😀

Die deutschen Pferde wurden in der Verfassung alle problemlos akzeptiert. Man sieht natürlich den Muskelkater ein bisschen, aber sie trabten alle gut und vor allem: Sie sahen top aus, richtige Hochleistungssportler mit super Bemuskelung. Das konnte man da nicht von allen Pferden sagen. Einige sahen etwas verhungert aus.. so schmal, quasi magersüchtig. Finde ich echt nicht gut, wenn Pferde so runtergehungert werden  Die Verfassung brachte schon einige Unruhen mit sich. Nicht unbedingt in den oberen Plätzen, aber 3 Pferde wurden nicht akzeptiert, ein paar weitere wurden gar nicht erst vorgestellt. Das belgische Team war quasi geplatzt, nachdem Lara (de Liederkerke-Meier) ihr Pferd gar nicht mehr vorstellte und eine andere Belgierin nicht akzeptiert wurde.

Um 11:00 ging das Springen los. Aber wir hatten nur Dirk und Dibo im ersten Teil und so konnte ich noch ein bisschen was wegarbeiten vorher. Dirk guckte ich mir auf dem Screen an, er blieb Null. Casino sprang auch im Springen wahnsinnig gut. Bei Dibo lief ich vor zum Stadion. Ich fand das Springen ehrlich gesagt nicht zu schwer für einen 4* Parcours. Die Linien waren sehr klar, es gab eine Dreifache, keine besonderen Distanzen und auch die Höhe war eher an der unteren Grenze. Das sah man auch am ersten Teil des Feldes, indem es schon viele Nullrunden gab. Auch Dibo blieb Null mit Corrida. Sie sprang phänomenal gut, echt ein Pferd mit enorm viel Vermögen. Ihr sah man die Anstrengung des gestrigen Geländetages fast gar nicht an. Im Interview war Dibo immer noch sehr enttäuscht von sich selbst. Zufrieden mit dem Pferd, keine Frage, aber mit seiner eigenen Leistung auf so einem Championat nicht so happy. Er hätte mehr riskieren müssen, sagt er, und er wolle in der Winterarbeit doch nochmal an das Thema Gebiss rangehen. Vielleicht gebe es da doch eine bessere Lösung für Corrida und ihn, aber er wolle sie auch nicht überzäumen und sei eigentlich kein Fan von Pelhams im Gelände. Ich bin gespannt, ob er da zu einer neuen Idee im nächsten Jahr kommt.

Dann hatten wir eine lange Mittagspause, denn der zweite Teil der Reiter (die besten 25) starteten erst ab 14:00. In umgekehrter Reihenfolge wie man es von großen Turnieren kennt.. das macht es ja besonders spannend. Wir hatten noch 4 Eisen im Feuer: Anna Siemer, Christoph Wahler, Michael Jung und Ingrid Klimke. Für die Mannschaft war Silber drin, wir hatten genug Abstand zu den Franzosen. Aber ob es für Gold reichen würde? Die Briten hatten mehr als 2 Springfehler Abstand. Ich glaubte, dass sie das nach Hause bringen würden.

Die erste in der zweiten Hälfte war Anna Siemer. Ich fieberte mit, Avondale sprang fantastisch, jeder Sprung sah super aus, Anna blieb im Fluss. Dreifache gut, der danach, alles blieb liegen. 8 gut.. und dann Einsprung Kombination minimal flach und die Stange fiel. AAAAAAHHH.. menno! Danach gut nach Hause geritten, aber eine Stange kostete sie 5 Plätze. Das war alles so dicht zusammen. Sie ärgerte sich auch richtig im Interview: „Man muss einfach besser reiten! Ich hätte einmal sitzen bleiben müssen, aber ich bin zu früh aufgestanden und zack, da war der Fehler.“

Jetzt kam alles Schlag auf Schlag. Christoph blieb Null und konnte sich so am Ende auf dem 7.Rang platzieren bei seinen 2. Europameisterschaften! Eine mega Leistung von ihm und seinem Schimmel Carjatan. Übrigens wurde die große Auktion auf dem Klosterhof Medingen extra verschoben wegen seiner Teilnahme bei den Europameisterschaften.

Michi war der nächste Starter. Alles hielt den Atem an. Es waren echt viele Zuschauer am Sonntag nachmittag gekommen, die beiden Tribünen waren nahezu voll und man hatte ein echtes Championats-Feeling. Wir alle wissen: Michi kann Springen reiten. Und auch wenn Walter das Gelände noch in den Knochen steckte und er hier und da nicht so abfußte wie sonst, konnte Michi ihn perfekt unterstützen. Und so klapperte es hier und da, er machte es super spannend. Aber alles blieb liegen!! Er beendete mit seinem Dressurergebnis von 23,9 Punkten mit dem erst 9-jährigen Fischer Wildwave. Im Interview war er dennoch enttäuscht: „Am Ende lag es wohl an dem Schweizer Richter, dass nicht mehr drin war. Mein Pferd hat alles richtig gemacht, lief eine tolle Dressur und dann zwei fehlerfreie Runden. Mit dem Pferd könnte ich nicht zufriedener sein.“ Der Richter bei E hatte sich deutlich von den anderen beiden Noten unterschieden (C: 77%, M: 79%, E: 72%).

Und dann kam Ingrid. Ich drückte ihr so die Daumen. Hoffte, dass sie Null blieb und Nicola vielleicht doch ein kleines Fehlerchen machte… sorry, aber da bin ich nicht objektiv. Ich gönnte ihr und Bobby so den Hattrick! Die Briten würden mit der Mannschaft immer noch Gold gewinnen, aber wir hätten das Einzel Gold. Dann wäre doch alles fein 😉 Bobby kam rein und die Arena wurde still. Er sprang gut, die Distanzen passten, nichts klapperte. Dreifache gut, der danach. Auch die Kombi, an der Anna den Fehler hatte, war kein Problem. Und dann der Steil in der Kurve. Ein ganz leichter Fehler.. aaaaaahhhh. Ein Raunen ging durch die Menge und die Medaille war weg. Ein Wimpernschlag. Ein etwas enttäuschter Applaus. Ach man.

Für unsere Mannschaftswertung machte das keinen großen Unterschied. Die Franzosen hatten einige Fehler mehr und waren eh aus den Medaillenrängen rausgerutscht, so hatten wir eh Abstand zu Bronze. Aber für Ingrid tat es mir so leid, das war so ein kurzer Moment und sie fiel damit hinter Michi auf Rang 5. Die letzte Starterin Nicola Wilson machte es natürlich nochmal spannend, blieb aber Null und damit war es entschieden!

Die Briten holten einfach mal ALLE Einzel Medaillen (Nicola Wilson, Piggy March und überraschend: Sarah Bullimore) und die Goldmedaille mit der Mannschaft. Hatte ich es nicht am Donnerstag schon geschrieben, dass die britische Übermacht einfach schon da zu spüren war? Unglaublich stark und nicht zu bezwingen. Michi verpasste ganz knapp die Medaillen mit einem undankbaren Platz 4 und Ingrid dahinter auf Rang 5.

Ingrid war im Interview so ein bisschen zwiegespalten. Klar, als Leistungssoprtlerin ärgerte sie sich über den Fehler, aber sie war auch so ein bisschen: „Gold wär es eh nicht geworden, Nicola blieb Null.. und daher… entweder der Hattrick oder nichts. Und Bobby lief soo tolle Runden. Sowohl Dressur, als auch gestern im Gelände und heute im Springen. Ich könnte nicht stolzer auf mein Pferd sein!“

Ganz überraschend: Die Schweden gewannen die Bronzemedaille! Nach Dressur noch ziemlich abgeschlagen auf Rang 7, durch Gelände auf Rang 6 und dann mit 2 fehlerfreien Runden im Springen auf Rang 3 vorgerutscht. Die waren MEGA happy!

Und wo wir es von Überraschungen haben, vielleicht noch ein paar Worte zu Sarah Bullimore. Ich hatte sie (wie viele andere glaube ich auch) nicht so auf dem Schirm. Sie war auch sehr überrascht überhaupt von ihrer Nominierung und dann startete sie einzeln. Das Pferd, das sie mitbrachte (Corouet, erst 10 Jahre alt), hat sie selbst gezogen und seine Mutter bereits 2015 bei den Europameisterschaften geritten (LILLY CORINNE). Was für eine wunderbare Story!!

Und dann waren die Europameisterschaften 2021 auch schon wieder vorbei. Ewig drauf hingefiebert, viel gearbeitet und dann – ZACK – ist Sonntag abend, alles ist entschieden und die Siegerehrung läuft. Lustige Anekdote übrigens bei der Siegerehrung: Da stehen so viele Offizielle, Presse (ich ja unter anderem auch) und trotzdem fällt es nur einem Journalisten am Ende der Siegerehrung der Mannschaften auf, dass die Mannschaften FALSCH herum stehen. Deutschland stand rechts (Silber) und Schweden stand links (BRONZE), dabei gehört es genau anders herum.. oje oje, aber die Fotos waren alle gemacht 😀

Die Siegerehrung muss man sagen, war eh etwas chaotisch.. seeeeehr langwierig (ich glaube, wir standen da über 1,5 Stunden) und nach der Ehrenrunde kamen die Pferde nochmal alle rein, mit Pflegern und dann wurden Geschenke verteilt. Und alle waren verwirrt, keine wusste so richtig, was das sollte, wofür, wer geehrt wurde 😀 Und dann gab es nochmal eine Ehrenrunde. Aber egal, es war trotzdem sehr schön und ein toller Abschluss!

Die Pressekonferenz kurz danach war zwar nicht mega aufschlussreich, aber es war schön, alle nochmal zu sehen und auch ein bisschen lustig: Ingrid nur so zu den Briten „But you know: You stole our trainer!“ (und damit meinte sie Chris Bartle, der 2016 – nach 15 Jahren DUO-Trainerschaft mit Hans Melzer – wieder zu seinem Heimatverein Groß Britannien wechselte). Alle bedankten sich für die tolle Veranstaltung und betonten nochmal, wie toll sie es fanden, dass die Familie Vogg sich so sehr für eine Vielseitigkeits-Europameisterschaft eingesetzt hat. Und Jean-Pierre Kratzer (Orga) erzählte, dass es rund 10.000 Zuschauer am Samstag waren und insgesamt ca. 21.000. Er hat noch viel vor auf dem Avenches-Gelände und fand das einen sehr guten Auftakt mit einer so hoch angesehen Veranstaltung wie der Europameisterschaft.

Von daher: Ende gut alles gut, auch wenn Ingrid nicht den Hattrick geschafft hat. Es waren tolle Tage, eine super Veranstaltung, tolle Stimmung, tolle Pferde und eine gute Werbung für unseren Sport. LOVE IT. Ich hoffe, die Blogbeiträge haben euch gefallen und ihr habt auch bei all meinen anderen Auskopplungen vorbeigeschaut (Facebook, Instagram, YouTube). Danke an die Reiterrevue und EQUISTRO, dass sie mir das möglich gemacht haben!

Schreibe einen Kommentar