TAG 3 / Avenches EM daily Blog präsentiert von EQUISTRO

Geländetag! Darauf freuen wir uns doch immer am meisten. Für mich ist es auf jeden Fall immer ein besonderer Höhepunkt. Ich bin morgens schon total kribbelig. Für dieses Mal musste ich mir einen genauen Plan machen, denn das Gelände war sehr weitläufig und ich wollte auf jeden Fall die deutschen Teamreiter im Interview direkt nach den Gelände haben. Aber natürlich wollte ich auch alle Komplexe „gesprungen“ sehen. Eine echte Challenge!

Um 11:00 ging der erste Starter auf die Strecke und es waren schon einige Zuschauer da. So schön, dass endlich wieder Menschen am Rand der Strecke stehen dürfen. Es ist schon ein anderes Feeling, das Anfeuern merken die Pferde ja auch und haben vermutlich noch mehr Adrenalin als eh schon. Ich war bei Sprung 4ABC am Anfang und da konnte man auch den Komplex 6-7 sehen. Direkt der erste Starter hatte einen Vorbeiläufer bei 4C, einem schmalen schrägen Element nach dem Coffin. Man konnte also direkt sehen, dass dieser Kurs selektiv sein würde. Das hab ich ja gestern schon geschrieben, dass Mike Etherington-Smith da ein gutes Gefühl für hat. Es zwar schwer genug zu machen, aber so, dass auch die schwächeren mit mehreren Alternativen nach Hause kommen können. Und dass es nicht nur an einem Komplex Probleme gibt, sondern es sehr unterschiedlich ist. Der Kurs hat das Leaderboard auf jeden Fall sehr auseinander gezogen.

Den Komplex 6-7, der ja heiß diskutiert wurde im Vorwege, wurde wirklich von jedem Reiter anders genommen. Ich sah viele, die nicht den direkten Weg nahmen, aber auch welche, die es sehr gut aussehen ließen. Anna Siemer zum Beispiel, die um 11:28 startete, nahm den „langen“ Weg, aber das war auch ein bisschen Team Order. Sie war die erste Teamreiterin und sollte auf jeden Fall clear nach Hause kommen, wenn möglich auch in der Zeit. Und wir alle wissen, wie schnell Avondale sein kann. Anna ließ die schnellste Maus von Mexiko flitzen! Ein Wahnsinns-Bild von den beiden. Es war überall sicher, es war schnell. Am Ende trotzdem nicht ganz in der Zeit, 10:11min (4sec drüber). Sie war sooo HAPPY im Ziel! Und wir erst! Ich freu mich für Anna ja immer doppelt 😀 Die Böden und alles machten Avondale nix aus. Aber sie wiegt ja auch nicht so viel und dadurch kommt sie gar nicht so tief in den Boden wie vielleicht einer, der 1,80 ist und damit auch deutlich mehr Kilos hat. Ach Anna ist einfach so schön emotional und authentisch, sie kann sich dann auch richtig freuen und hält das nicht so zurück wie viele andere Reiter in der Mixed Zone (Pressebereich für Interviews).

Nach Anna gings für mich zu Komplex 28AB/30, Start und Zielbereich. Das zweite Wasser hatte es in sich. Es gab ein schmales Trapez als Einsprung, auf einem Hügel, dann ein Boot im Wasser und nach einer großen Kurve auf der Rennbahn und einem weiteren Trapez (29) noch ein Boot als Einsprung (30). Einige Pferde waren hier hinten durchaus müde. Es gab Reiter, die das gut machten und möglichst sicher nach Hause ritten, es gab aber auch welche, die noch das letzte rausholten und da bin ich ehrlich: So richtig schön war das manchmal nicht. Für mein Gefühl waren die Pferde etwas zu müde an der Stelle. Unseren deutschen Pferden sah man das nicht an! Der Unterschied war wirklich extrem zu sehen.

Bei Dibo (Start 12:44) war ich im Start-/Zielbereich, das ist so hinter den Kulissen ja auch immer super spannend. Und ich hatte permanent das Leaderboard an, sodass ich sehen und hören konnte, ob alles klappte. Corrida hob über den letzten Sprung nochmal richtig ab und galoppierte ins Ziel. Ich hab dann erst gesehen, dass er deutlich über die Zeit kam mit 10:45 (mehr als 30sec drüber).

Im Zielbereich sind immer ganz viele Helfer, kommen angerannt, nehmen das Pferd, zuerst werden der Sattel und die Gamaschen abgemacht, damit sich darunter keine Hitze stauen kann. Das Pferd wird weiter geführt und dann geht es in einen etwas hinter liegenden Bereich, wo Wasser und Eis bereit steht. So kühlt man die Pferde dann herunter. Dr. Matthias Niederhofer steht dort auch (Vet der Mannschaft) und kontrolliert recht schnell die Pferde und hilft beim Runterkühlen. Und dann wird das Spiel mit Kühlen, Laufen, Check, Kühlen, Laufen immer wiederholt bis das Pferd soweit normal atmet und gut genug wirkt, um langsam Richtung Stall zu gehen. Manche haben da bereits Eis an den Beinen, manchen wird das erst später dran gemacht. Die Reiter währenddessen freuen sich mit ihrem Team und müssen dann recht schnell zu FEI TV für das erste Interview. Wir anderen scharren allerdings auch schon mit den Hufen und müssen zu einer anderen Stelle fürs Interview. Etwas umständlich und weit weg hier in Avenches. Mir hätte es für die Reiter besser gefallen, wenn die Mixed Zone direkt hinten in dem Bereich gewesen wäre, aber gut, so ging es auch.

Dibo war natürlich nicht soooo gut gelaunt. Die Runde war gut, aber leider nicht schnell genug und es ist ja immer was anderes, wenn man für die Mannschaft reitet. Er wollte schnell reiten, aber Corrida war so stark, dass sie dadurch am Sprung immer Zeit verlor. Und bei 32 Sprüngen.. ja, das geht schnell.

Nach Dibos Interview flitzte ich wieder auf die Strecke, denn ich wollte nun auf den hinteren Teil der Strecke, die am weitesten weg ist.. Sprung 9-19. Da machen die Reiter auch einige Kringel, um auf ihre Streckenlänge und Anzahl Hindernisse zu kommen. Die Zuschauer wurden auch weniger da hinten 😉 Ich glaube nicht, dass alle wussten, dass es da hinten überhaupt noch weitergeht. Die schrägen Hecken gingen erstaunlich gut (12/13). Dirk Schrade sah ich an den beiden schmalen Trapezen bergab (10AB), da war Casino wohl beim Runterreiten nicht so sicher, was da kommen würde, sodass den beiden die Distanz etwas weglief. Aber gut, Casino ist ein gewaltig springendes Pferd, sodass es kein Problem war. Wie war das? Vermögen kommt nicht aus der Mode.

Ich guckte einige Reiter dahinten, das erste Wasser (18) war scheinbar für keinen ein Problem. 16AB hingegen (die beiden dicken Ecken) lösten nicht alle auf dem direkten Weg. Obwohl die Alternative echt viel Zeit kostete. Und 9AB war auch spannend, der „Crazy Corner“. Man kam von oben runter, das war schon ein gewaltiger Satz, weil die Landestelle deutlich tiefer war als der Absprung. Und dann musste man mit Schwung und Mut weiterreiten auf die offene Ecke. Ich hab da nur Malin Petersen gesehen und das war sehr sicher und toll anzuschauen.

Dann war nur noch ein Reiter bis Michi (14:20) und ich war auf dem Rückweg und sah ihn dann beim zweiten Wasser (22/23). Fischer Wildwave (genannt Walter) war frisch vor ihm, wendete gut, aber Michi spielte auch all seine Erfahrung aus und gab ihm sehr viel Sicherheit am Sprung. Die beiden sahen topfrisch aus, obwohl es ja schon Richtung Ende der Strecke war. Im Interview zeigte er sich auch sehr sehr zufrieden mit seinem noch so jungen Pferd (9 Jahre alt). Und wie krass: Die beiden blieben in der Zeit!! Das gelang am Ende nur 7 von 67. Echt eine krasse Leistung muss man sagen.

Damit hatte ich schon 3 von 4 Mannschaftsreitern geschafft und mein Plan ging super auf. Sogar ein paar Julis-Eventer Fans hab ich auf der Strecke gesehen. Für mich ja immer noch ein unwirkliches Gefühl, warum Leute mit mir ein Foto machen wollen, aber ich freue mich natürlich auch. Es ist eine schöne Wertschätzung!

Bis Ingrid startete (15:36) hatte ich ein bisschen Zeit, ein paar Instagram Storys hochzuladen. Ich hatte den Kanal von Equistro übernommen und das war im Kopf nicht immer so einfach einzuordnen, denn der Kanal ist eigentlich englisch, sodass ich die Untertitel dann auf englisch reingesetzt habe 😉 Ich guckte bei Komplex 26/27. Das war eine Ecke, vor dem ein großer Graben war. Schon ein gewaltiger Sprung, wenn man den so sieht. Aber bei den meisten sah das wirklich toll aus. Außer bei einem Italiener, bei dem das Pferd mit den Hinterbeinen in den Graben fußte und dann drüber schlitterte.. eieieiei, da hab ich mich gefragt, warum das erstens nicht ausgelöst hat (MIM-System) und zweitens, warum den keiner anhält wegen gefährlichem Reiten. Aber danach kam Sarah Bullimore mit ihrem kleinen Fuchswallach Corouet und flog wieder in schönster Manier über das Hindernis. Ein tolles Pferd und eine ganz gefühlvolle Reiterin. Von GB scheinbar etwas unterschätzt, denn sie war nur Einzelreiterin, aber ich fand es phänomenal.

Und dann INGRID. Die Zuschauer wurden auch schon angespannter, denn Bobby war auf der Strecke und die Titelverteidigerin. Sie ließ nichts anbrennen, war bis 18/19 wohl immer noch 15sec vor der Zeit. Es war nicht viel „Vorsprung“ vor der Konkurrenz, sodass sie am besten Null bleiben sollte. Ich sah sie dann bei 22/23, alles safe, rannte zu 25, dem großen Bulfinsh, das war für Bobby nur ein kleiner Hüpfer. Die beiden sind so eingespielt, das kann man sehen und spüren. Bei 28 hörte ich, wie die Leute die Luft anhielten, irgendwas war da. Nachher im Interview sagte Ingrid, dass sie da eigentlich die große Distanz nehmen wollte, um auch ein bisschen Zeit reinzuholen, aber Bobby sah das anders und machte noch einen kleinen Galoppsprung wie ein Jagdpferd. Sie selbst hatte da keine Zweifel, denn sie kennt ihn und weiß, dass er sich da selbst helfen kann.

Die beiden kamen ins Ziel, alles klatschte, großer Jubel und dann ein kleiner Enttäuschungsmoment: Sie war nicht innerhalb der Bestzeit. 10:10, 3 Sekunden drüber und damit 1,2 Punkte für die Zeit. Diese wenigen Punkte machen aber leider was aus bei so einem hochkarätigen Starterfeld! Dritter Platz „nur“ noch. Ingrid war trotzdem sehr happy und im Zielbereich umsorgte sie ihren Bobby total liebevoll. Alle anderen waren dabei, ihn runterzukühlen, neues Wasser zu besorgen, ihn zu waschen, aber sie gab ihn nicht aus der Hand. Und lief Runde um Runde mit ihm, eine Hand am Hals, tätschelnd und sicher hat sie sich mehrfach bei ihrem langjährigen Sportpartner bedankt. Es erinnerte mich sehr an die Szene, als ich mit Nessi vor einigen Wochen meine erste 3* beendete und mit ihr zusammen im Ziel rumlief. Dieses Gefühl der Zusammenhörigkeit. Da passt kein Blatt dazwischen und ich war sehr gerührt von dieser Zweisamkeit. Gerade bei den Profis fragt man sich zwischendurch, ob man zu jedem Pferd wirklich so eine Bindung aufbauen kann…

Im Interview war natürlich die Frage: Ärgerst du dich über die 3 sec oder freust du dich über die tolle Runde? Und die klare Antwort war, dass die schönen Momente überwiegen.. klar, es ist eine Meisterschaft, man reitet für Deutschland. Da kommt es auf jede Sekunde an, aber Bobby gab ihr ein so gutes Gefühl, dass alles (quasi) andere unwichtig ist.

Foto: Stefan Lafrentz (Reiterrevue)

Nach Ingrid gab es noch eine große Überraschung des Tages: Ros Canter, die Weltmeisterin aus Tryon, hatte 2 Stopps mit ihrem Top-Pferd Allstar B. Das hat glaube ich keiner erwartet. Vor allem, weil die Briten bis dahin ihre Übermacht mehr als demonstriert hatten mit 3 fehlerfreien Runden innerhalb der Bestzeit und 2 Runden mit nur 2 Sekunden über der Zeit. Auf die Mannschaftswertung hatte das keinen großen Einfluss, da Ros nun das Streichergebnis war und alle anderen gut ins Ziel kamen.

Von den 7 Reitern in der Bestzeit waren:

  • 1 Deutscher (Michael Jung)
  • 3 Briten (Nicola Wilson + Piggy March + Izzy Taylor)
  • 1 Schweizer (Felix Vogg)
  • 1 Ire (Padraig McCarthy)
  • 1 Franzose (Jean Lou Bigot)

Nicht nur Anna hat ein paar Plätze gut gemacht (23 an der Zahl, von Platz 38 auf 15), auch Luc Chateau hat sich weit nach vorne gearbeitet (40 Plätze, von 56 auf 16). So ist es, wenn man ein gutes Gelände an der Bestzeit reitet.

Deutschland liegt immer noch auf SILBER KURS. Und hat deutlich Abstand zu den Franzosen auf Rang 3 (22,4 Punkte), das sollte doch reichen 😉 Allerdings haben die Briten vor uns auch 2 Springfehler, das wird eher knapp, dass wir noch Gold erreichen. Aber noch ist die Prüfung nicht vorbei.

Morgen geht’s um 09:00 zur Verfassung, 11:00 startet der erste Teil des Springens und um 14:00 wird’s dann so richtig spannend. Bleibt dabei!!

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