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Freitag, der zweite Dressurtag steht auf dem Plan und ich habe nicht nur ab 10:00 die Dressuren auf dem Schirm, sondern auch noch jede Menge Sachen, die raus müssen von gestern. Bloggen, vloggen und Instagram – hab ich mir vielleicht etwas viel vorgenommen? Yes 😀 Aber hey, Challenge accepted!

10:00 gings für den ersten Reiter ins Viereck: Dirk Schrade mit Casino. Das Pferd wurde von Peter Thomsen ausgebildet, war mit ihm bis zur 4* unterwegs und ist sogar in Aachen schon gegangen. Nun wurde er von Freya Rethmeier für Dirk gesichert und er hat erst letztes Jahr im Sattel Platz genommen. Keine allzu lange Zeit für ein Championats-Paar. Vielleicht auch ein Grund, warum da heute noch die Feinabstimmung fehlte, denn Dirk sagte nach der Vorstellung nur: „So kenn ich den ja gar nicht“. Der Schimmel ließ sich von der Atmosphäre doch sehr beeindrucken und patzte 2x in der Galopptour und wurde deutlich spannig hintenraus. Trotzdem noch 30,5 Punkte und ich muss Dirk zustimmen, da kam er gut mit weg 😀

Zwischen Abreiteplatz und Viereck herrscht schon reges Treiben. Immer, wenn ein Reiter dran ist, ist das ganze Team dabei.. Familie, Trainer, Mannschaftskollegen undsoweiter. Oft erkennt man sie an ihren National-Shirts und Jacken. Für mich ist es immer was besonderes, da so dabei zu sein. Man ist eben mittendrin, Teil des Ganzen und saugt förmlich die ganze Atmosphäre auf. Anspannung, Aufregung, Hoffnung, Enttäuschung, Freude. Es ist wirklich alles dabei.

Natürlich stehe ich nicht nur rum und genieße es, sondern nutze die Zeit. Ein paar Storys und ein Interview mit Hans Melzer und Peter Thomsen zusammen. Er hat zwar immer noch keinen fixen Vertrag, aber eigentlich reden alle seit über einem Jahr davon, dass er der nächste Bundestrainer wird. Hans wird im nächsten Jahr nach 20 Jahren Amtszeit nicht mehr zur Verfügung stehen. Ich glaube trotzdem, dass wir ihn bei allen wichtigen Events sehen werden. Er sagt selbst: Als größter Supporter!

Viel Zeit war dann nicht bis zum dritten Mannschaftsreiter: Michael Jung! The Master! Diesmal mit einem jungen Pferd am Start, Fischer Wildwave, erst 9-jährig, aber schon 4 Jahre bei Michael Jung und daher sind sie ein eingespieltes Team. Und das sieht man schon in der Dressur, ein wirklich tolles Seitenbild, Michi spielt seine Erfahrung aus, zeigt sich gelassen und alles gelingt. Am Ende 23,9 und Rang 3 in der laufenden Wertung. Fürs Interview müssen wir uns etwas anstrengen, er will schon mit Pferd wegreiten.. aber nein, beim Championat muss jeder in die Mixed Zone 😉 Und dann läuft eine Schar Journalisten hinter Michael Jung her zum aufgebauten Banner, um den O-Ton zu bekommen und ich bekomme mein Video für die kurzen Dressurzusammenfassungen. Er ist sehr zufrieden, hatte sich auch diese guten Noten versprochen und lächelt in die Kamera.

Die Sonne ist nun auch herausgekommen, doch ich bin erstmal ein paar Stunden in der Pressestellt zum Arbeiten. Man darf nicht nachlässig werden und was verschleppen, sonst kommt man nie wieder hinterher mit dem Hochladen 😀

Nun also ein paar Worte zum Gelände. Ich durfte gestern mit Ingrid Klimke abgehen und habe nun einige Reiter dazu gehört. Es ist ein echter Championatskurs. Kein klassischer Mike-Kurs, aber ich glaube, das liegt daran, dass Mike erst vor 6 Wochen „aufgesprungen“ ist und eigentlich nur als Assistent geplant war. Und die Möglichkeiten auf diesem Gelände sind  ja doch sehr begrenzt. Es gibt eine große Rennbahn, über die einige Male gekreuzt wird, es gibt quasi keinen Wald und keine natürlichen Hügel geschweige denn Berge. Das macht es für einen Kurs-Designer nicht unbedingt einfacher. Ihm war es wichtig, dass es für die erfahrenen Reiter genug Aufgaben gibt, aber gleichzeitig genug Alternativen für die schwächeren, die einfach ihr Ergebnis nach Hause bringen wollen für das Team. Die Balance muss man erstmal treffen.

Der Kurs hat es auf jeden Fall in sich, denn es ist TWIST and TURN pur. Wer da in die Zeit reiten will, muss von Anfang an richtig schnell reiten. Und wahrscheinlich nicht zu oft den alternativen Weg gehen, denn der ist meistens sehr lang. Die Wasserpassagen sind eher langweilig, wenn man deutsche Strecken kennt, aber dafür gibt’s andere spannende Stellen. Zu oft laufe ich den Kurs jedenfalls nicht, denn es ist wirklich lang mit knapp 6km.

Die Bestzeit wird 10:07 und ich denke, es wird sich viel um die Zeit abspielen. Ingrid hat beim Abgehen auch immer wieder auf die unterschiedlichen Bodenverhältnisse hingewiesen. Das ist nicht so einfach für die Pferde. Teils dickes, weiches Gras, teils Sandüberwege, teils harte Rennbahn, da ist es gut, wenn die Pferde nicht zu bodenguckig sind. Und die Reiter sind auch wirklich gefragt: Kann sich jeder alle Wege merken?? Man muss jeden Überweg und jede Schneise kennen, auf der man sich einfädeln muss. Man muss wissen, welche Galoppstrecken man richtig nutzen kann, weil sie lang genug sind und wo man am besten reitet, um die Ideal-Linie zu treffen. Und die Reiter dürfen nicht mal mit dem Rad abfahren (was die Reiter normalerweise sehr gerne machen)! Um den Boden zu schonen, ist Radfahren untersagt (denn das würde den Boden noch zusätzlich verdichten). Wir als Presse sind darauf hingewiesen worden, dass wir nicht auf den Trassen laufen dürfen, sondern nur an der Seite. Es wird also extrem darauf geachtet, dass der Boden so perfekt wie möglich für die Pferde wird.

Um 14:45 startet unsere letzte deutsche Mannschaftsreiterin Ingrid Klimke. Mit Hale Bob tritt sie zum vierten Mal eine Europameisterschaft an. Unglaublich, wie lange die beiden schon ein Team sind. 2015 Blair Castle (Sieg mit der Mannschaft, Einzel 5.), 2017 Strzegom (Sieg im Einzel), 2019 Luhmühlen (Sieg im Einzel und mit der Mannschaft).

Alles war in rote Jacken getaucht, alle Teamreiter waren da, natürlich das Trainerteam und andere Supporter und Freunde. Ingrid ritt rein, um das Viereck und Bobby war scheinbar doch ziemlich angespannt. Er schnickte ein paar Mal mit dem Kopf, machte sich frei und irgendwie hielt jeder den Atem an.. wird er drin die Nerven behalten? Und dann.. spulten die beiden ihr Programm ab. Keine Unsicherheit, aber auch keine besondere Anspannung. Er behielt den Ausdruck, die Wechsel waren sauber, vielleicht sogar ein bisschen unspektakulär. Hans hatte ihr gesagt, wir brauchen für die Mannschaft 85% Prozent und Ingrid nur so „wenns sonst nichts ist“ 😀

Am Ende standen 20.2 Punkte auf dem Leaderboard! PLATZ 1! Unglaublich diese Frau. Sie musste sogar kurz vorm Start noch ihre Reithose wechseln, weil das SAP Logo auf der falschen Seite war und das Abkleben auch nicht klappte aufgrund der Wärme. Bescheuerte FEI Regeln.. aber auch da geht wohl ihr Puls kaum hoch.

Somit hat Deutschland den Abstand zu den Briten deutlich verringern können. Momentan trotzdem „nur“ Rang 2 nach Dressur, ich gebe zu, wir sind verwöhnt.. normal sind wir doch immer auf 1 nach der ersten Disziplin. Aber wie ich oben bereits erwähnt habe.. das Gelände ist schwer und ich denke, da wird sich morgen ordentlich was durcheinander wirbeln.

Der Abend brachte noch einige Interviews, einige Schnitt Arbeit und Story Bearbeitung. Aber auch 1-2 Drinks mit Freunden. Hier sind so viele aus Deutschland mitgereist, einfach toll zu sehen, wie stark die Verbindung zu unserem Sport ist. Und so liebe ich es ja 😉

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