Du bist ein Mädchen und musst auch reiten wie ein Mädchen

Trainingstag bei Anna Siemer, 19.12.2018

Ich durfte – noch so kurz vor Weihnachten – bei Anna in Luhmühlen reinschauen. Es war schon länger geplant, dass ich sie mal besuche und dann hat es in 2018 doch noch geklappt. Natürlich habe ich es mir nicht nehmen lassen, Nessi mitzunehmen und auch gleich ein Training draus zu machen. Anna war da super unkompliziert und hat sich extrem viel Zeit für uns genommen. Erst hab ich sie in ihrem Alltag ein bisschen begleitet, sie hat mir ein paar der Pferde vorgestellt und ist auch zwei junge Pferde geritten als ich dabei war. Dabei hat sie natürlich auch ein bisschen was zu ihrer Philosophie des Sports erzählt.

Anna ist sehr witzig, offen und total authentisch in dem, was sie macht. Sie liebt den Sport und die Pferde, hat parallel noch ein intaktes Familienleben mit zwei kleinen Kindern und ein tolles Team um sich herum. In 2018 hatte sie eine krasse Saison, mit vielen Höhen (Sieg Bundeschampionat zum Beispiel), aber auch einigen Tiefen wie zum Beispiel den Verkauf von Erfolgspferd Chloe an Christopher Burton. Sie hat ein gutes Verhältnis zu „Burto“, telefoniert oft mit ihm, trotzdem fehlt ihr das Pferd natürlich. Aber sie lässt sich von sowas nicht runterziehen, sie kämpft, hat Ziele und will nächstes Jahr auf jeden Fall bei der EM an den Start gehen. Dafür muss sie allerdings unter den Top 12 der Deutschen sein, die der Bundestrainer dann nominiert. Gar nicht so leicht im Moment, wo es so viel „Auswahl“ gibt und die jungen Wilden auch noch an der Tür kratzen.


Soviel ganz kurz zu Anna selbst. Nun werdet ihr euch über den Titel bestimmt wundern und denken: Ich muss reiten wie ein Mädchen?? Ja, und das ist nicht so gemeint, dass wir uns als Mädels kleinreden oder dass wir nichts können. Sondern, dass wir die Eigenschaften, die wir als Frauen besonders gut können, auch einsetzen sollten! Wir können nicht so drücken wie ein Mann, wir haben nicht so viel Kraft in den Beinen oder Armen, wir können vielleicht nicht so zupacken, aber darauf darf man die Pferde dann auch nicht hintrainieren. Anna hat das immer wieder betont bei der Unterrichtseinheit und ich fand es sehr inspirierend. Bei ihr selbst ist es auch eine Philosophie, dass Pferde, die von ihr ausgebildet werden, von jedem nachgeritten werden können.

Nessi hatte wahnsinnig viel Spaß beim Training, denn wir konnten draußen auf dem großen Platz reiten und dann waren auch noch ein paar Geländesprünge da! Der Himmel auf Erden für die kleine Springmaus. Sie hat sich sooo gefreut. Fast ein bisschen zu viel, denn auch nach dem 10.Sprung war sie immer noch wild am Losbocken. Und Anna nur so:

Also, sie darf sich ja freuen… und ich weiß auch, dass du dich freust, dass sie sich freut. Aber jetzt muss sie sich auch mal konzentrieren. Loben erst, wenn du sie wieder „eingefangen“ hast und sie ruhig ist. Wenn du sie jetzt jedes Mal noch belohnst dafür, dass sie dir unterm Hintern wegrennt, dann wird das immer schlimmer und sie denkt sich nur so „Yeay, die freut sich auch noch, dass ich mich freue, wahnsinn, ich dreh durch“…

Annas Haupt Augenmerk beim Training lag auf meinem Sitz.

  1. DER BLICK – Blick nach oben (sollte ich bei Chris gelernt haben, aber nein, mein Gesicht war mal wieder gen Boden gerichtet, keine Ahnung, was ich da unten immer suche…), denn nur mit dem Blick kann man schonmal Linien vorplanen, dem Pferd die Richtung weisen und vorausschauend reiten.
  2. DER OBERKÖRPER – ja, wenn ich unsicher bin oder mich nicht drauf konzentriere, wird mein Oberkörper unruhig beim Sprung. Vorher, weil ich schon bisschen früh nach vorne gehe, dann überm Sprung klappe ich zu schnell und dann passiert da generell einfach viel zu viel mit dem Oberkörper. Ich muss viel viel stiller sein, das Pferd machen lassen, ruhig bleiben.
  3. NICHT SCHUBSEN – Ah, da ist eine Distanz, die nehmen wir! Das altbekannte Problem meinerseits, dass ich Nessi gerne mal schubse. Und sie lässt sich ja auch so gut schubsen, denn dann nimmt sie erst richtig Fahrt auf. Ich dachte eigentlich, das Problem hätte Peer uns ausgetrieben, aber wohl nicht ganz, denn am Anfang der Einheit hab ich es noch ein paar Mal gemacht.
  4. BÜGEL AUSTRETEN – Die Schwierigkeit bei Nessis Sprunggewalt besteht ja nicht oben in der Flugphase, sondern meistens beim Sitzen der Landung. Sie katapultiert mich dann meistens nach vorne oder ich bin nicht stabil genug in der Körperspannung, dass ich das gut genug ausbalanciert kriege, daher ist es umso wichtiger, dass ich den Bügel (vor allem in der Landung) richtig austrete, damit ich so auch meine Stabilität zurückbekomme. Fuß vor Knie wie Chris immer so schön gepredigt hat.

Neben dem Sitz haben wir aber auch an der Anlehnung und am Rhythmus ein bisschen gearbeitet.

  • Thema Anlehnung: Am äußeren Zügel parieren und beim Zulegen auch die Anlehnung erhalten. Es ist wichtig, immer eine konstante Verbindung zum Pferdemaul zu haben und weder den Zügel schlackern zu lassen noch die ganze Zeit festzuhalten. Bei Nessi ist das mitunter ja nicht so einfach, weil sie gerne wegschnickt und mir damit die Zügelverbindung total zerstört. Wir haben dann ein paar Mal zulegen/einfangen im Galopp gemacht bis Nessi es zugelassen hat, dass ich weich dranbleibe ohne nach oben zu schnicken. Aber das ging vor allem durch den vermehrten Einsatz des äußeren Zügels.
  • Thema Rhythmus: Das beschäftigt mich mit Nessi ja immer. Die, die mir schon länger folgen, wissen, dass ich immer von Turnieren oder Lehrgängen von Nessis Galopp und dem Rhythmus berichte. Denn der ist ausschlaggebend für Erfolg oder Nicht-Erfolg. Was ich bei Anna aber witzig fand: Sie ist auch ein Freund des Zählens (also 1,2,1,2,1,2,1,2,1,2), aber als ich sagte, ich zähle auch, aber bis 3, sagte sie, das ginge nicht. Wir redeten dann ein bisschen darüber, weil ich es erst nicht verstanden habe (mache das seit Jahren so), aber als ich es dann ausprobiert habe mit 1,2 war es wirklich harmonischer und noch gleichmäßiger. Die 3 gibt dir eigentlich einen falschen Takt, daher ist es mit 1,2 viel eher Metronom als bis 3 zu zählen. Sehr lustiger Funfact finde ich, aber vielleicht macht jemand ja den gleichen „Fehler“ wie ich 😀

Die Sprünge an sich waren alle kein Problem. Nessi war so motiviert, ich hätte auch noch 2h weiter reiten können, aber das ist ja nicht zielführend. Sie machte einen super Job, alles richtig, denn wie Anna sagte: „Zeig Nessi den Sprung und halt den Rhythmus und dann macht Nessi den Rest von alleine.“ ❤️

Es macht einfach nur Spaß, bei Anna Unterricht zu reiten, denn sie ist sehr nahbar in dem, was sie sagt. Manchmal denkt man nicht, dass sie schon Weltcup geritten und bis 4* erfolgreich unterwegs ist. Sie erklärt es so, dass man es richtig versteht und gerade die „Mädchen zu Mädchen“-Verbindung ist hilfreich. Dass man eben mal mehr zuppelt als die Jungs, dass man sich mehr Kopf macht um bestimmte Dinge und vor allem, dass man meistens die ganze Schuld bei sich sucht (nach dem Motto „das arme Pferd“). Ich fand es sehr erfrischend, extrem lehrreich und fühle mich geehrt, eine Einzelstunde mit so viel Zeit und Engagement genossen zu haben.

Ich hoffe, dass wir das bald mal wiederholen. Und Ihr könnt euch natürlich noch auf das dazugehörige Video freuen! Stay tuned 🙂

Hier findest Du Anna:

Ein Kommentar bei „Du bist ein Mädchen und musst auch reiten wie ein Mädchen“

  1. Das klingt wirklich nach einer gelungenen Stunde, man liest förmlich dein Strahlen 😀

    Auf das Video bin ich gespannt 🙂

    Was sind so deine Ziele mit deinen Pferden für 2019?

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