Zu wenig „Yes we can“

Chris Bartle Lehrgang, 08.-09.10.2018 / Luhmühlen

Ich hab mich schon richtig lange gefreut auf den Lehrgang. Einmal bei Chris Bartle reiten, das ist schon was Besonderes. Mit Alani durfte ich auch schon mal in den Genuss kommen, aber das ist 5 Jahre her. Eine Ewigkeit. Da ist mir dann auch Turnier nicht so wichtig, denn am Wochenende wäre Bad Segeberg gewesen. Aber eine komplette Vielseitigkeit am Sa/So und dann Mo/Di direkt Lehrgang war mir dann doch bisschen zu krass für die Nessi Maus.

So ging es Montag morgen auf in Richtung Luhmühlen. Geiles Wetter angesagt, nicht zu warm, aber sonnig, Mama dabei (trotz Wochentagen – sie hatte sich extra frei genommen) und auch noch Laura, die sich angeboten hat, Bilder zu machen. YEAY – das ganze Paket!

Die erste Stunde war eher theorielastig. Er guckte auf den Sitz, wir machten erstmal nur ein paar kleine Linien, wir lernten die 3 Grundsitze:

  • Rennsitz (nah am Hals, Pferd geht nach vorne, Hände trotzdem unter den Augen)
  • Vorbereitungssitz (Oberkörper aufrichten, Zügel etwas durchrutschen lassen, Pferd kommt zurück)
  • Contact-Sitz (Gesäß kommt an den Sattel, Oberkörper gerade, Zügel werden noch etwas länger, Hände bleiben unter den Augen, Pferd wird gespannt)

Das passiert vor dem Sprung. Und das übten wir nun erstmal. Zusätzlich zum Landungssitz (Fuß vor Knie, Oberkörper hinten, Zügel sind durchgeglitten und werden dann aufgenommen, das Pferd braucht den Hals für einen guten Sprung).

Was unabdingbar wichtig ist für einen guten Sitz, sind die Steigbügel. Er machte sie erst mal bei allen 2 Loch kürzer. Ich fand meine schon kurz, aber scheinbar nicht genug 😉

Nun kam ich vor wie ein Jockey – die Füße kamen gerade noch so übers Sattelblatt. Aber nach den ersten 2 Runden, in denen ich mit meiner Balance zu kämpfen hatte (der Oberkörper kommt einem plötzlich doch länger vor als er ist), fühlte es sich super an. Über dem Pferd, mehr Übersicht, stabilere Beinlage und vor allem generell mehr balanciert. Die Ferse ist immer der tiefste Punkt und mein Unterschenkel klappte nach 1-2 Sprüngen auch nicht mehr ganz so schnell zurück. Ich habe ja oft das Problem, dass Nessi durch ihre katapultweises Springen mich so klappen lässt. Geht der Unterschenkel aber zurück, geht der Oberkörper nach vorne und schon hat man den Salat.

Also immer wieder Sitz üben. Damit gingen wir an drei verschiedenen Linien dran. Die dritte fand ich auch schon anspruchsvoll – Coffin, vorne und hinten schmal. Der Graben unten auch nicht zu klein. Den konnten wir aber erst einmal einzeln reiten. Nessi war an Tag 1 nicht ganz so gut drauf, irgendwie nicht so „spritzig“ wie sonst. Gesprungen ist sie gut, aber ich kenne sie sonst mit etwas mehr Go. Vor allem, wenns um Gelände geht. Wir hatten dann auch hier und da mal einen Stopp. Nichts schlimmes, aber ich lass mich dann oft von ihr anstecken und reite nicht konsequent weiter, wenn ich keine Distanz sehe.

Das Thema Distanzen ist eh sehr interessant mit Chris. Er sagt, dafür sind wir nicht zuständig. Wir kümmern uns um Tempo, Rhythmus und dass das Pferd positiv genug gespannt ist. Dann guckt das Pferd ja mit, hat auch 2 gesunde Augen und 4 Beine. Schieben oder zu viel Zug auf dem Gebiss ist nur störend. Das Pferd findet den Absprung. Diese Verantwortung abzugeben ist wohl das schwerste. Aber eigentlich kann ich ihm nur zustimmen – theoretisch – denn wenn man einen stabilen Sitz hat und das Pferd im richtigen Rhythmus ist, ist die Distanz eigentlich egal. Etwas dicht, etwas groß, das kann man dann gut ausgleichen. Niemand reitet immer passend.

Wie sagte er einmal? Das ist Geländereiten: Das Reiten von unpassenden Distanzen 😜 Na, ich glaube, ganz so hat er es nicht gemeint, weil er ja mit dem Englisch/Deutsch manchmal nicht ganz so 100% den richtigen Ausdruck trifft. Aber in dem Moment hat er das so gemeint, dass man im Gelände einfach viel besser damit klarkommen muss, dass das Pferd nicht den perfekten Absprungpunkt findet und das ist auch überhaupt nicht schlimm. Ich finde, diese Aussage nimmt auch viel Druck von uns Amateuren. Man macht sich doch immer so viele Gedanken darum, dass man alles immer passend anreiten muss und wenns nicht klappt, ist alles Mist.

Abends hatten wir dann noch eine Theorie Einheit, alle Mann mit Essen und Trinken im Peerkieker und Video gucken. Er zeigte uns einen Teil seiner neuen DVD (Der sichere Sitz von Wehorse) und analysierte außerdem einige Ritte aus Tryon. Ja, auch die absoluten Vollprofis machen Fehler. Gucken nach unten, sind nicht ganz im Gleichgewicht oder haben zu lange Bügel. Kaum zu glauben, aber wahr. Und auch das ist schön für uns Amateure: Zu wissen, keiner ist perfekt. Die, die dort geritten sind, machen aber eben schon sehr viel richtig, müssen auf Kleinigkeiten achten, die Pferde sind keine Roboter und die meiste Sicherheit bietet der sichere Sitz, der vieles ausgleichen kann.

Practice makes perfection.

Auch eine Aussage von Chris am zweiten Lehrgangstag. Ich finde es so interessant, dass der wohl beste Trainer der Welt eigentlich sehr einfache Dinge sagt. Und das seit 20 Jahren (oder länger) und trotzdem sind es genau diese Dinge, die so schwer umzusetzen sind. Das Thema „Augen nach vorne“ sagt Peer mir schon, seitdem ich mit 16 irgendwann das erste Mal bei einem Kadertraining bei ihm geritten bin (ist jetzt immerhin auch schon 13 Jahre her OMG). Und trotzdem hat Chris mir das jetzt nochmal ganz anders und deutlicher veranschaulicht. Ich weiß, dass, wenn der Blick nach unten geht, automatisch auch der Oberkörper nach vorne kommt und dadurch die ganze Stabilität verloren geht. Aber dass man durch einen Blick, der sogar noch weit über dem nächsten Sprung in den Baumkronen ist (also nicht horizontal, sondern nach oben geht), einen noch besseren Effekt auf den Oberkörper und das Anreiten hat, hätte ich nicht gedacht. Und vor allem habe ich bei Nessi einen mega positiven Unterschied bemerkt. Wenn ich das mit den Augen im Griff habe, dann ist der Rhythmus besser und oft auch die Linie (klar, weil ich es ja sehe und dann auch besser reiten kann). Nessi ist dann viel übersichtlicher (Übersicht ist ja ein Thema, das ich bei Nessi noch am meisten kritisiere).

Letztes Thema, das ich ganz klar aus dem Lehrgang mitnehme:

Yes we can

Chris ist unheimlich positiv den Pferden gegenüber. „Der kann das!“, „Komm, die kann das…“ Als Reiter ist man dafür zuständig, das Selbstbewusstsein der Pferde zu stärken, in dem man immer zum Sprung reitet mit dem Motto „Yes we can“, wir können das, keine Zweifel, los! Ich hab gemerkt, dass mir das manchmal fehlt. Das resultiert sicher aus den Sätzen, die Nessi da manchmal macht und ich nie weiß, wo sie hinspringt, aber wenn ich dann nichts sehe, dann werde ich unsicher und mache oft einfach gar nichts. Das ist nicht hilfreich. Lieber weiterreiten (nicht schieben, sondern stiller Oberkörper), aber mit dem positiven Vibe Yes we can. In der letzten Runde ist mir das jedenfalls gelungen und ich habe gemerkt, wie Nessi dann ganz selbstverständlich so einen Zick-Zack Graben springt.

Ich schaffe das noch nicht ganz ohne zu schieben und ich hatte auch am zweiten Tag ein paar Stopps, wo ich entweder nicht weitergeritten bin oder Nessi unschlüssig war. Aber es waren ziemlich anspruchsvolle Kurse, die Sprünge kamen teils echt schnell aufeinander und Nessi reagierte sofort. Sie war insgesamt auch besser drauf. Irgendwie lernen wir uns ja immer noch kennen. Jeder Lehrgang, jedes Training, jeder Sprung gibt einem wieder neue Erkenntnisse. Und wie meine beste Freundin letztens völlig richtig sagte: Die Lernkurve geht nicht immer nur nach oben werte ich Valluhn einfach nicht so doll wie andere Turniere dieses Jahr. Der Lehrgang jetzt lässt mich mit einem super Gefühl in den Winter gehen. Und das ist die Hauptsache.

Eine Sache, die ich auf den Fotos immer wieder feststellen muss: Meine Zügel sind scheinbar oft immer noch zu kurz. Das fühlt sich von oben nicht so an, aber es gibt immer noch die Sprünge, bei denen sie etwas gegen den Zügel springt. Und das muss ja nicht sein. Mehr durchrutschen, mehr Hals und dann hat sie wieder etwas mehr Balance und weniger Grund, so in die Luft zu gehen (obwohl ich mittlerweile nicht mehr daran glaube, dass das noch besser wird). Dafür braucht man aber auch Vertrauen, denn längerer Zügel bedeutet auch etwas Führung abgeben.

Chris war insgesamt ganz angetan von ihr. Ich hab ihn am Ende einmal gefragt, ob er meint, dass das noch was wird. Und er meinte, tolles Pferd, springt toll, ich muss das mit dem Sitz nur besser im Griff behalten. Und zu viel springen ist immer besser als zu wenig 😀

Was ich schade finde an so einem tollen Lehrgang ist der Zeitpunkt. Im Oktober passiert natürlich nicht mehr viel – ich kann den Sitz also schwer üben, nacharbeiten und festigen. Ich hoffe, es verpufft nicht einfach, sondern ich kann durch den Bericht und das Video dann noch ein bisschen lernen und mir einprägen. Das Loch im Steigbügel markieren und nächstes Jahr dann so losreiten (auch, wenn es aussieht, als wäre ich eine 12-jährige, das muss einem dann egal sein, denn man schont ja auch den Pferderücken, je stabiler man im Sitz ist und desto besser ist auch der leichte Sitz auf den Galoppstrecken). Eigentlich müsste ich jetzt aber einfach in dem Sitz viel galoppieren, um die Balance zu üben. Denn „practice makes perfection“ und die habe ich jetzt im Winter leider nicht mehr viel. In einer 40er Halle im Jockeysitz außenrum galoppieren bringt glaube ich nicht den erwünschten Übungs-Erfolg!

Aber er sagte, man kann die 4 Grundsitze auch über Cavalettis üben, völlig egal. Einfach immer wieder – Rennsitz, Vorbereitungspunkt, Contact Sitz kurz vorm Sprung und Landung. Dabei Zügel durchrutschen, Augen oben behalten, Fuß vor Knie, Hände unter den Augen. Kann doch nicht so schwer sein 💪

2 Kommentare bei „Zu wenig „Yes we can““

  1. Huhu Juli 😀 ein ganz toller Bericht ♥ Vielen Dank dafür!

    Eure Nessi erinnert mich immer so sehr an meine Stute 😀 und wenn ich das hier lese, habe ich auch direkt wieder Lust mit ihr in den Busch zu gehen, obwohl ich das eigentlich nun mit ihr aufgegeben habe…. eben weil sie immer so „mächtig und übertrieben“ springt und gefühlt IMMER passends hingeritten werden will ._. das macht es im Busch nicht gerade einfacher…

    >>> „macht sich doch immer so viele Gedanken darum, dass man alles immer passend anreiten muss und wenns nicht klappt, ist alles Mist“ <<<< *lol* genau das, denke ich mir auch dauernd. Und dann ist ein Sprung halt mal "schlecht" und schon ist für das ganze Kurs gestorben (übertrieben gesagt ^^) und ich reite überhaupt nicht weiter (ein Teufelskreis).

    Ich habe auch schon die restlichen Artikel hier verschlungen und freue mich schon auf Berichte von eurter Winterarbeit ♥
    Ganz liebe Grüße Kimmi

    1. Vielen Dank für das Lob!
      Ja, einfach ist es nicht, im Busch mit so ner verrückten, da muss man wirklich wirklich mutig sein, mit halbem Herzen klappt es nicht. Ich kann dich total verstehen, dass du es nicht machst 😜

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