Ein Leben ohne Pferde?

Ihr wundert Euch sicher über den Titel, aber es gibt immer mal Phasen im Leben, wo man sich doch fragt, wie denn so ein Leben ohne die Pferde aussehen würde. Ich habe in meinem Job mit vielen unterschiedlichen Menschen zu tun, aber vor allem mit Werbern. Und Werber (wenn ich das mal so pauschal über den Kamm scheren darf) haben keine Hobbies. Die sitzen in Agenturen oder Filmproduktionen von morgens um 9 bis abends um 9. Da bleibt nicht mehr viel rechts und links. Viele meiner Kollegen oder Auftraggeber verstehen mein Hobby nicht. Du reitest? Ohja, das ist ja schön. Ach, du musst jetzt los zum Pferd? Nee, wir haben noch jede Menge zu tun. Und außerdem muss jemand ans Telefon gehen. Schließlich ruft Agentur XY noch an, mit einem Briefing zu dem Job, der morgen losgeht.

Wer jetzt nur Bahnhof versteht, dem kann ich sagen: Ich möchte hier absolut nicht meinen Job schlechtmachen. Ich liebe es! Ich liebe die Planung, das Set, die beteiligten Menschen, selbst das Chaos, was dem innewohnt! Aber es ist nicht immer ganz einfach, beide Welten unter einen Hut zu bekommen. Ich schreibe hier nicht viel privates oder berufliches, sondern konzentriere mich den Großteil der Zeit wirklich auf die Pferdewelt und alles, was dazugehört. Aber beim Thema, ob ich auch ohne Pferde klarkommen würde, muss ich eben doch ein bisschen ausholen.

Ich sagte bereits, dass viele meiner Kollegen mein Hobby nicht verstehen. Selbst wenn sie Pferde-Fans sind (weil eine Freundin, die Tochter, irgendwer mal geritten ist), dann denken sie, dass man 2-3x die Woche eine halbe Stunde beim Pferd verbringt, um zu streicheln oder spazieren zu gehen. Ich weiß in Wirklichkeit natürlich nicht, was sie denken, aber bin doch immer wieder überrascht. Wenn ich erzähle, dass ich jeden Tag (oder zumindest fast jeden) in den Stall fahre, um zu reiten, sind die meisten quasi schockiert. Mit einem eigenen Pferd eigentlich nichts Besonderes. Bei mehreren Eigenen erst recht nicht.

Ein weiteres Ding ist, dass ich etwas außerhalb von Hamburg wohne, weil die Pferde-Unterbringung in Hamburg selbst utopisch teuer ist und ich außerdem einfach ein ländlicher Typ bin und gerne nur einen kurzen Weg in den Stall habe. Dafür bin ich bereit, für die Arbeit auch etwas weitere Wege einzuschlagen. Ganz davon abgesehen, dass ich teilweise auch im Ausland arbeite und da ist es eh egal, wo du wohnst, hauptsache, ein Flughafen ist in der Nähe. Aber die Diskussionen mit Kollegen und Freunden, was ich nicht alles machen könnte, wenn ich in Hamburg wohnen würde.. oh man oh man. Ja und Nein.

Ratiopharm-Dreh in den Bergen Österreichs

Nun zum eigentlichen Thema des Beitrags, nachdem ich Euch ein bisschen in meine Berufswelt habe eintauchen lassen:

Was könnte man sich nicht alles leisten?

Jaaaaaa. Der erste Punkt auf der Tagesordnung. Ohne Pferde hätte man natürlich viel mehr Geld. Ich weiß, Geld allein macht nicht glücklich, aber manchmal wünscht man sich eben doch, mehr davon zu haben. Es sind ja nicht nur die reinen Stall-Kosten.. es sind auch Tierarzt, Schmied, Turniere, Unterricht, Zusatzfutter, und und und.. eine sehr lange Liste von Dingen, die auch noch bezahlt werden möchten und gerade bei Tierarztkosten schnell und unberechnbar explodieren können. Und wenn man das nicht alles hätte? Mehr Klamotten, mehr Schuhe.. uiii, das hätte auch Vorteile. Mehr von allem Schicki-Micki, was man so sieht und dem man insgeheim auch ein ganz klein bisschen nachtrauert 😀

Was könnte man nicht alles mit der Zeit anstellen?

Ohne Pferde hätte man natürlich auch viel mehr Zeit. Zeit für Freunde, Zeit für Aktivitäten, Strand, Sonnenbaden. Zeit für Netflix und Co. Zeit für gute Bücher. Natürlich auch mehr Zeit zu arbeiten (will man das?). Zeit, die man für sich nutzen kann. Eine Stunde pro Pferd pro Tag und das ist schon sehr optimistisch betrachtet. Ich hätte also durchschnittlich (wenn man 6 Tage a 2 Pferde a 1h rechnet) einfach mal 12h mehr in der Woche, die ich mich um was anderes kümmern könnte. Garnicht so schlecht…

Wie wäre es, so ungebunden zu sein?

Pferde schaffen eine große Verantwortung. Selbst wenn man sie, wie wir, in einem Pensionsstall stehen hat, wo jemand sie rausbringt, füttert und sich kümmert. Trotzdem sind Pferde ja wie Kinder. Wie Familienmitglieder. Zumindest bin ich mit dieser Einstellung aufgewachsen und da ich kein Profi mehr werde, wird das auch so bleiben. Wenn ich mich für ein Pferd entscheide, bin ich dafür verantwortlich. Es kann sich nicht selbst versorgen, es kann sich nicht füttern, misten, bewegen. So ist es eben und darüber muss man sich klar sein. Ich zum Beispiel würde manchmal gern abends in Hamburg länger bleiben, mit Freunden noch was trinken oder doch noch ins Kino. Aber nein, ich sage: Ich muss noch zum Pferd und damit ist für meine Freunde die Sache klar. Das kommt jetzt vielleicht negativ rüber, es ist nicht so, dass ich mich da wegquäle, weil ich noch zum Pferd „muss“. Nein nein. Ich will das ja und es ist meine Entscheidung. Aber es gibt eben auch diese zögerlichen Momente, wo man denkt: Ach, das wär auch schön. Thema Urlaub ist ja auch so eine Sache mit Pferd. Wer kümmert sich dann? Geht das mit der Saison? Wann am besten? Aber nicht länger als eine Woche oder max. 10 Tage. Andere lachen sich darüber tot. Aber wer Pferde hat, der weiß: 10 Tage Urlaub ohne meine Hotties? Neeeee, das geht garnicht.

Warum macht man es dann überhaupt?

Jaaa. Warum spielt man nicht Tennis? Oder Golf? Oder fährt am Wochenende ein paar Runden auf der Cartbahn. Weil die Pferde und der Pferdesport eine ganz besondere Faszination haben. Nicht umsonst sage ich immer: Wenn das Virus einmal zugeschlagen hat, dann kommst du da auch nicht wieder raus. Es hat dich und du bist infiziert. Das macht die Emotion aus, das macht die ganze Aufregung, der Schweiß, die Arbeit, das Bangen, das Ziel-auch-mal-erreichen aus. Pferde geben einem so unglaublich viel Kraft, Zuversicht und Willen (in den meisten Momenten). Das ist schwer, in Worte zu fassen, ohne gleich kitschig zu werden.

Natürlich kann man sein Leben auch ohne Pferde gestalten. Gut gestalten. Keine Frage, ich bin hier kein Verfechter von „Nur meine Wahrheit ist die richtige“, aber für mich ist ein Leben ohne die Pferde nicht vorstellbar. Sie geben dem Ganzen auch einen roten Faden. Vor allem bei meinem Job als Selbstständige ist es eine Konstante, die ich auch brauche. Oder wenn alles andere gerade mal doof läuft (Arbeit, Privat, Freunde, was auch immer.. ), dann weiß man, dass man abends zu jemandem fahren kann, der einen bedingungslos liebt. Egal, wie man aussieht, ob man gerade neue Pickel auf der Stirn hat, ob man nur 3 Worte rauskriegt, weil man traurig ist oder wütend. Diese Verbundenheit mit Wesen, die so sensibel und feinfühlig sind und genau merken, wann man mal wieder eine dicke Umarmung oder Pferdeschnauber braucht. Das ist schon etwas sehr Magisches.

Ich hatte diesen einen besonderen Moment vor 3 Jahren, von dem ich gerne erzähle. Ein echter Schlüsselmoment. Als ich mit Alani meine erste VL geritten bin. Alani war gerade 7, aber da steckten schon 3,5 Jahre Arbeit dahinter, er war seit 2 Jahren unser eigener und ging seitdem auch überhaupt erst Vielseitigkeit. Und da war also unsere erste VL – ein Ziel, das ich seit Kaderzeiten (da war ich 16) wieder zu erreichen versucht hatte und mit Gustl immer nur semi-optimal funktioniert hat. Das war die VL in Rüspel in 2014 und Alani kam frisch und munter ohne einen Hindernisfehler ins Ziel. Mich übermannten sofort die Emotionen und ich fing fast an zu heulen… (so nah am Wasser bin ich eigentlich nicht) Das war ein solcher Glücksmoment. Wir hatten das gemeinsam erreicht und durch die Verbindung eine anspruchsvolle Strecke mit viel Kraft und gemeinsamen Willen gepackt. Zu der Zeit war ich als Producer für Werbefilme in einer Filmproduktion in Hamburg festangstellt (seit ca. 3-4 Monaten) und kam daher nur wenig zum Reiten unter der Woche. Wie gesagt, Arbeitszeiten (wenns gut lief) von 9-19 Uhr + die Strecke von/nach Hamburg (ca. 1h). Da war ich keinen Abend vor 21:30/22:00 zuhause. Und immer abends so spät alleine noch reiten (weil alle anderen schon fertig waren). Die Motivation zum Reiten hielt sich also in Grenzen und ich wollte aber beruflich vorankommen und sah da eine große Chance. Durch diesen Glücksmoment nun wurde mir eins ganz klar: Kein Job auf dieser Welt kann das ersetzen, was mir dieses Gefühl, dieser Sport, dieses Pferd geben kann. Bzw. anders formuliert: Kein Job ist es wert, den Sport aufzugeben oder soweit zurückzustellen, dass man es nicht mehr gewissenhaft machen kann. Ein Amateur braucht meiner Meinung nach sicher 4-5 Jahre, um ein normales junges Pferd bis zur VL oder CIC* auszubilden (wenn das Pferd gut mitmacht) und die Zeit danach ist so kostbar. Denn jeder weiß, wie schnell die guten Jahre leider auch vorübergehen und deswegen muss man diese tolle Zeit, wo man endlich das abrufen kann, was man jahrelang so hart geübt und trainiert hat (jeden Tag, jede Übung, Rückschritte in Kauf genommen undsoweiter), so gut wie möglich nutzen.

Leider kann auch ich mit dieser tollen Erfahrung und dem Wissen nun nicht sagen: Alles klar, dann reite ich mal nur noch, weil das bringt ja so viel Spaß. Arbeiten muss schon sein. Und will ich auch. Ich will auch nach wie vor ne Menge erreichen in meinem Job (und habe mich in den letzten 3 Jahren auch entwickelt, weil ich den Job wirklich liebe!), aber man muss im Zweifel immer wissen, wo die Prioritäten liegen. Bei mir ist das immer sehr sehr dicht beieinander. Denn es entwickelt sich eine Kette: Wenn man nicht arbeitet, kann man sich die Pferde nicht leisten. Denn JA, ich finanziere meine Pferde selbst (natürlich mit meiner Mum zusammen, aber es ist nicht so, dass sie das alles bezahlt und ich nur arbeite, damit ich abends noch auf ne Party gehen kann). Also arbeiten und genug Geld verdienen. Je mehr Geld ich aber verdienen muss (weil Tierarztkosten oder so), desto mehr muss ich auch arbeiten (haha, wer hätte es gedacht) und desto weniger kann ich reiten bzw. Zeit beim Pferd verbringen und auch trainieren. Das heißt, ich hab zwar das Geld, aber kann das garnicht nutzen, weil die Zeit nicht da ist. Haha.. never ending story, die immer wieder Thema ist und natürlich auch immer wieder schwankt. Aber so ist das und gerade als Selbstständige kennt man dieses Hin und Her auch. Dafür habe ich das Privileg, auch unter der Woche mal vormittags entspannt reiten zu können oder auch das Einkommen in der Form steigern zu können, in dem ich mehr Jobs mache. Wie man so schön sagt: Es hat alles seine Vor- und Nachteile.

Aber eins, was ich noch vergessen habe: Wenn ich keine Pferde hätte, gäbe es auch den Blog nicht. Und der Blog ist schon etwas, was mir super viel Spaß bringt. Sicher gibt es auch da Phasen, in denen ich mehr oder weniger mache (Beiträge, Videos, Posts), aber so ein bisschen bedingt es sich ja, dass man einen Blog, der nicht beruflich und kommerziell ist, nicht immer mit 100% Kraft pflegen kann. Auch das ist ein Hobby, das sich auf der Prioritätenliste erstmal einsortieren muss.

Zum Abschluss lässt sich noch sagen, dass ich mich unheimlich geehrt fühle, dass ich diesen tollen Sport mit so tollen eigenen Pferden auch machen darf. Mal einen Tag Dankbarkeit zeigen gegenüber dieser Tatsache. Denn dankbar für all das, was wir tun und leben dürfen, sind wir doch viel zu selten.

6 Kommentare bei „Ein Leben ohne Pferde?“

  1. Ein sehr schön geschriebener Beitrag! 🙂
    Ganz Liebe Grüße!

  2. Schön, dass du auch solche Themen ansprichst. Ich glaube es ist für jeden Nicht-Profi immer ein Spagat, und manchmal fragt man sich eben einfach ob es das alles wert ist.. aber dafür sind die Momente in denen es klappt unbezahlbar, und machen meiner Erfahrung nach auch „nachhaltig glücklicher“ als ein paar neue Schuhe oder etwas materielles. #it’sworthit 😉

  3. Es tut gut zu hören, dass andere auch in diese Frustration geraten. Bei mir kommen noch zwei kleine Kinder dazu. Da muss man das Ganze durch drei Teilen. Und wie bei so vielem, man kann es sich vorher einfach nicht vorstellen, wie es ist tatsächlich alles unter einen Hut bringen zu wollen.

    1. Hey Katrin! Das ist sicher nochmal ne ganz andere Hausnummer 🙈 kann ich mir nicht vorstellen, wie man das alles bewältigen soll. Aber krass ist, dass es ja dann doch irgendwie geht. Aber mit viel Kraft. Hut ab und liebe Grüße !!

  4. Habe Deinen Blog gerade erst entdeckt und finde er ist eine echte Bereicherung für die Blog-Pferdewelt! Toll! Als VS-Liebhaberin hast Du doch bestimmt auch ein Vollblüterherz…. darf ich mir mal Themen wünschen? Besuch‘ doch mal Asagao xx – ein absoluter Liebling meinerseits und genauso wie Duke of Hearts xx (zweiter Themenwunsch ;o)) ein super spannender Hengst und VS-nah! Viele Grüße von Jeannette vom Blog http://www.alifewithhorses.de

    1. Hey Jeanette!
      Wie cool, vielen Dank! Na klar mag ich die Vollblüter, hab aber ehrlich gesagt recht wenig Ahnung, da man auch in der VS ja nicht mehr sooo viel Blut braucht, seitdem die Strecken kürzer geworden sind ;))) aber ich schau mal! Liebe Grüße zurück!
      Juliane

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