Die richtige Balance

In der Zeit vor Bad Harzburg habe ich mir so meine Gedanken um Alani gemacht, denn das vermehrte und anhaltende Training machte ihn zwar körperlich fit und gutaussehend, aber seine Motivation schwankte von Tag zu Tag. Aus diesem Grund will ich mich heute gerne dem Thema Balance widmen.

Irgendwie hab ich das Gefühl, es geht in meinen Beiträgen oft um das gleiche – ich habe über Training geschrieben und von den richtigen Zielen gesprochen – und dabei geht es doch immer um die richtige Balance. Zwischen Training und Ruhe, zwischen Motivation und Erhaltung, zwischen Turnierstress und Relaxen. Das ist jetzt so leicht gesagt, aber gerade, wenn man ein wichtiges Turnier vor Augen hat, wird die Zeit echt knapp und es wird schwieriger, die Tage richtig einzuteilen und das Pferd trotzdem bei Laune zu halten. Klar werden jetzt einige sagen: „Na, wenn die Motivation nicht mehr stimmt, dann lass das Turnier doch.“ Auf der einen Seite stimme ich dann zu, also, wenn man merkt, dass das Pferd garkeine Lust mehr hat, man es aus der Box ziehen muss und es auch beim Reiten keinen Vorwärtsdrang oder keine Energie zeigt, dann macht es wirklich wenig Sinn, aufs Turnier zu fahren. Aber meistens ist es ja nicht so eindeutig. Und Pferde haben auch mal schlechte Phasen oder komische Zeiten. Manchmal muss man dann einfach weitermachen.

270216_16

Bei Alani war es so, dass wir 4-5 Wochen vor Bad Harzburg einen Schlag reinhauen mussten – wir hatten erst das Go vom Land Schleswig-Holstein bekommen und wussten, das ist eine lange Prüfung (im schlimmsten Fall 1km längere Geländestrecke) und auch noch bergig, im Harz. Da hieß es: Zähne zusammenbeißen und Training anziehen, Bergtraining einbauen, Galopptraining ausdehnen, bis auf 4km oder länger. Das ist bei einem Pferd mit hohem Blutanteil oder einem Pferd, das leicht gebaut ist und dem es eh leicht fällt, auch garnicht so schwer, denn diese Pferde haben von Natur aus einfach mehr Vorwärtsgang drin. Aber Alani, mein kleines Holsteiner Springpferd mit Dressurabstammung, dem fällt das eher schwer. Ich war schon so happy, dass ich ihn für die kurzen CIC-Prüfungen so super in Schuss hatte und die 3.100m in Strzegom ohne Schwierigkeiten und in der Zeit geklappt haben. Er hatte seitdem ja auch eine entspannte Zeit gehabt, genau aus dem Grund: Motivation erhalten.

Ich finde, die Motivation eines Pferdes ist wichtiger als das beste Training. Denn Pferde, die wollen, können auch Dinge bewältigen, für die sie vielleicht nicht bis ins kleinste Detail trainiert worden sind. Da entscheidet das Herz. Und wenn einer will, dann sind die Grenzen undefiniert. Aber natürlich heißt das nicht, dass Pferde, die bisher E-Springen gegangen sind, plötzlich durchs S laufen, nur weil sie Lust zum Springen haben. Das meine ich mit Balance.

2016_07_30_Sahrendorf_CIC1-080

Die Balance im Training: Zu wissen, wann das Training zu viel wird, wann man Longentage, freie Tage, Zeit zum Ausreiten, zum Rumspielen, vielleicht Bodenarbeit und solche Sachen einbauen sollte, um dem Pferd die Möglichkeit zu geben, sich psychisch auszuruhen. Stellst du einem Pferd jedes Mal wieder herausfordernde Aufgaben wird es irgendwann aufgeben oder sich wehren, weil es überfordert ist. Und Pferde, die aufgeben ist etwas, das keiner will. „Leblose“ Vierbeiner, die keinen eigenen Kopf mehr haben.. ganz ehrlich, damit könnte ich garnichts anfangen. Ein eigener Charakter ist das, was ein Pferd ausmacht.

Die Balance fürs Turnier: Schon in dem Beitrag „Ziele“ habe ich darüber geschrieben, das man seine Ziele realistisch stecken sollte. Und Leute, die jedes Wochenende mehrere Prüfungen mit einem Pferd reiten.. die schrubben diese auch irgendwann soweit, dass sie entweder krank werden oder aufgeben. Meistens trifft das erste zu, denn Überbelastung führt irgendwann bei jedem noch so guten Pferd zu Verletzungen oder Entzündungen. Man darf als Mensch nicht vergessen, dass ein Turnier außerdem auch Stress für die Pferde bedeutet. Sie stehen auf dem Hänger, fahren irgendwohin, wissen nicht wo, andere Pferde überall, die Menschen sind hektisch, weil sie vielleicht zu spät sind.. und und und. Erfahrene Turnierpferde haben sich daran gewöhnt, haben als Gewohnheitstiere ja auch gelernt, was wie wo wann passiert. Aber trotzdem, Turniere sind nicht nur Belastung für die Beine, sondern auch für die Psyche. Und da sollte man schon darauf achten, dass man nicht jedes Wochenende losfährt. Es ist auch egal, ob es sich dabei um E oder S handelt, der psychische Stress ist ja der gleiche.

040415_03

Die Balance für den Kopf: Ich finde, man muss viel mehr in sein Pferd hineinhorchen. Wie viele sehe ich täglich, die ihr Pferd aus der Box zerren, schnell mit der Bürste die Sattellage überputzen, Sattel drauf, Trense drauf, 20min reiten, schnell wieder in die Box. Das gibt es zuhauf. Und hat für mich nichts mit gutem Pferdemanagement zu tun. Die Pferde sind ja nur noch Dinge, eine To-Do Liste oder Mittel zum Zweck, aber nicht mehr als Lebewesen oder gar Partner gesehen. Für mich sind meine Pferde Familienmitglieder. Ich kann nur so gut sein wie sie. Meine Erfolge können nur so gut sein wie die Art und Weise, wie ich sie behandle und mit ihnen trainiere. Denn wie heißt es so schön:

Ein Pferd ohne Reiter ist immer ein Pferd. Ein Reiter ohne Pferd nur ein Mensch.

IMG_2923

Wisst ihr.. ich bin kein Pferdeflüsterer und schmuse auch nicht den ganzen Tag mit den Pferden. Ich will das nicht verklären, denn auch ich verlange Leistung und bin mittlerweile auf (für mich) schweren Turnieren unterwegs. Aber ich bin der Meinung, dass es der richtigen Balance bedarf, dass das alles so funktioniert. Und wenn es gerade mal nicht so läuft, muss sich jeder die Frage stellen: Was kann ich verbessern, wie kann ich meinem Pferd von dem oder dem mehr geben, sodass ich das Gleichgewicht wiederherstellen kann? Denn in den allermeisten Fällen liegt es nicht am Pferd.

Schreibe einen Kommentar